Eines meiner vorweihnachtlichen Highlights ist die Vorstellung, in den Feiertagen endlich wieder Zeit zum Lesen zu finden. Und mit lesen meine ich nicht, zehn Minuten vorm Einschlafen, sondern mehrere Stunden und am besten gemütlich vorm Kamin. Dementsprechend möchte ich die Auswahl des Buches zelebrieren, in einer Buchhandlung gemütlich und ausgiebig stöbern und mache mich auf den Weg. In der Buchhandlung angekommen will ich meinen Augen nicht trauen, als mir ein Büchertisch auffällt, auf dem ein großes Schild prangt. „Frauenromane“ steht darauf, geziert vom Venussymbol. Ungläuig umkreise ich den Tisch. „Was Frauen lesen“ steht auf der anderen Seite. Ich trete näher und schaue mir an, was Frauen lesen. Was dementsprechend wohl auch ich lese, denn ich bin eine Frau. Ein kurzer Blick genügt um festzustellen, dass ich die Bücher, die auf diesem Tisch liegen ganz sicher nicht lesen werde. Ich suche den Büchertisch mit der Aufschrift „was Männer lesen“ und werde nicht fündig. Ich suche den Büchertisch mit der Aufschrift „was Menschen lesen, die sich keinem Geschlecht zuordnen lassen (wollen)“ und werde nicht fündig. Ich frage mich, ob es sich um einen dummen Scherz handelt, aber niemand lacht. Vielleicht bin ich Opfer einer Zeitmaschine geworden? Mir fällt spontan der bürgerliche Realismus ein. Die Vorstellung verfliegt, aber die Wut bleibt. Muss man heute wirklich noch erklären, warum Frauen nicht prädestiniert dafür sind, Trivialliteratur zu lesen? Dass Frauen nicht mit Kitschromanen auf dem Sofa sitzen und warten, dass sich die Realität in Kitsch verwandelt? Als literaturinteressierte Frau mit abgeschlossenem Germanistik-Studium weiß ich nicht, wie ich einen solchen Büchertisch nicht als Beleidigung auffassen soll. Und mal abgesehen davon: Muss man auch noch erklären, dass nicht alle Frauen dieselben Bücher lesen, nur weil sie Frauen sind? In der Kinderabteilung der Buchhandlung schaut man sich besser gar nicht erst um, denn die rosa Ecken für Mädchen sind schon zur traurigen Normalität geworden. Aber muss man sich das als erwachsene Frau nun auch noch bieten lassen? Die Lust am Stöbern ist mir vergangen. Liebe Buchhandlung, wie wäre es mit einem Schild am Eingang mit der Aufschrift „Was Menschen lesen“?

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