Es ist dieselbe Diskussion, die ich schon hundert Mal zuvor geführt habe. Wieder einmal – dieses Mal im KollegInnenkreis – erkläre ich auf Nachfrage, warum ich – obwohl ich keine Vegetarierin bin – kein Fleisch esse, das aus Massentierhaltung stammt. Ich esse nur noch sehr selten Fleisch. Wenn ich Fleisch esse, dann bewusst, in kleinen Mengen und in Bio-Qualität. Vom Biohof, nicht aus dem Supermarkt. „Aber das kann man doch gar nicht bezahlen!“ Nein, sicher nicht, wenn man der Meinung ist, man braucht neben Wurst zum Frühstück und zum Abendessen jeden Mittag Schnitzel und Co um zu überleben. Dass dem nicht so ist, dürfte mittlerweile hinlänglich bekannt sein. „Aber bei mir ist das anders.“ Klar, wir sind ja Individuen. Die Diskussion zieht sich vom Mittagessen bis hinüber zum Café, in dem nach dem Essen ein kurzer Zwischenstopp eingelegt wird.

Mittlerweile wird darüber diskutiert, dass es eigentlich völlig egal ist, was man isst. Eh alles verseucht und Bio ist die größte Lüge unserer Zeit. Geldmacherei und so. Ich gieße mir einen Schluck Milch in meinen Kaffee.

„Das ist aber ganz schön inkonsequent. Ist die denn von glücklichen Kühen?“ Hämisches Grinsen macht sich breit. Ja, stimmt. Asche auf mein Haupt, ich bin inkonsequent. Am schönsten ist es, sich das von Menschen sagen zu lassen, die lieber gar nicht erst anfangen, sich mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen oder etwas zu ändern. „Ist das nicht anstrengend, wenn man es sich selbst so schwer macht?“ Nein, finde ich nicht. Anstrengend würde ich es finden, jeden Morgen jemandem im Spiegel zu begegnen, dem die eigene Bequemlichkeit am allerwichtigsten ist.

Ich erfahre, dass es für Menschen mit meinen Ansichten eine Schublade gibt. Flexitarier steht daran. Nie gehört. Als ich später im Internet schaue, was sich hinter diesem Begriff verbirgt, lese ich auf einer Seite, die ich unter den ersten Suchtreffern finde, dass es sich hier um Menschen handelt, die vermutlich „ganz normale Fleischesser“ sind, aber aus moralischen Gründen lieber Flexitarier genannt werden möchten. Ich fühle mich nicht angesprochen und mache die Schublade wieder zu – von außen.

Braucht man eine Schublade? Muss es einen Namen für das geben, was man isst ist? Ich finde nicht. Seit vielen Jahren führe ich Diskussionen über dieses Thema, das zwangsläufig auf den Tisch kommt, wenn man gemeinsam mit oder bei anderen Menschen isst. Oft habe ich erlebt, dass sich andere durch meine Einstellung angegriffen oder bewertet fühlen, sie ignorieren oder versuchen, das Ganze durch ein paar Öko-Witze abzutun. Manchmal bin ich diese Situationen leid und möchte einfach in Ruhe gelassen werden essen. Ich frage mich zum Beispiel, warum jeden Mittag ausgerechnet mein Teller in Augenschein genommen und kommentiert werden muss. Bietet ein Schnitzel auf einem anderen Teller nicht ebensoviel Diskussionsstoff?

Andererseits sind aus solchen Situationen heraus auch schon spannende Diskussionen entstanden, aus denen ich viel gelernt habe und durch die andere Menschen vielleicht angefangen haben, sich wirklich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Dafür werde ich wohl auch in Zukunft einige Ökowitze in Kauf nehmen – vielleicht sind ja ein paar gute dabei.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.